Richard Genn, im Juli 2012

 

 

Die Sage vom Grafen Wolfskehl von Diefenthal

 

Quellen: „Rheinischer Antiquarius“ von 1858, „Das Kloster Laach“ von Julius Wegeler von 1854 und Chronik der Gemeinde Kruft von 1981

 

 

L e g e n d e ….

 

Nach der Sage soll im 8. oder 9. Jahrhundert in Wehr ein Graf Wolfskehl von Diefenthal oberhalb Wehr in Richtung Rieden gehaust haben. Hier ist auf der ältesten Landkarte von Wehr anfangs des 16. Jh. ein  „Diependall Hoff“ verzeichnet. Im Bereich der heutigen Flur „Im Tiefental“ links oberhalb vom Wald sollen nach Angaben von älteren Bauern Mauerreste im Acker gefunden worden sein.


Nach einer anderen Version sollen im Distrikt Diefenthal 12 Höfer, niemals aber ein Graf gewohnt haben. –siehe Dr. Julius Wegeler: Das Kloster Laach von 1854-. Der Sitz des Grafen sei unterhalb des Ortes, unmittelbar neben dem Weg nach Niederzissen gewesen. Hier ist auf der o.a. Karte die Flur „Wolfskul“ verzeichnet.

 

Auf der Karte:  Pfeil oben: Diependall Hoff,   Pfeil  unten:   Wolfskul


Der Graf soll stets nach Kruft zur Kirche gekommen sein, besonders die Christmette soll er niemals versäumt haben. Damit der Graf und sein Gefolge in der Dunkelheit nicht vom rechten Weg abkämen, hätten die Krufter bis zu seiner Ankunft die Glocken geläutet. Diese Aufmerksamkeit erwiderte der Graf durch herzliche Zuneigung, jedes Mal brachte er dem Pastor einen Kapaunen mit.

Sterbend hat er der Dorfgemeinde Kruft ein großes Stück Land in der Gemarkung Wehr, den so genannten Breidelswald vermacht. Nutzungsberechtigt waren damals 120 Krufter Familien, so genannte Märker. Das Nutzungsrecht an dem Legat wurde nach dem Tod des Grafen auf Bitte von dessen Witwe auch auf die Witwen der Breidelsmärker ausgedehnt.
 

….u n d W a h r h e i t

Bis zum Jahre 1615 war die Gemeinde Kruft im Besitz des Breidelswaldes in der Gemarkung Wehr. Der „Breithel“ war unteilbares, unveräußerliches Gemeindegut des Dorfes Kruft. Nutzungsberechtigt waren nur Familien, welche ihren Haushalt innerhalb des umwehrten Dorfes hatten. Wer ‚bausen’, das heißt außerhalb der Mauern wohnte, hatte keinen Anteil.

 

1615 erfolgte ein Tausch mit dem Kloster Maria-Laach: Maria-Laach erhielt den Wehrer Breithel und Kruft erhielt 400 Morgen Ackerland in der Nähe des Dorfes, das seitdem so genannte Breidelsgut. Damals gab es 120 Märker, welche Anteil an dem Gut hatten. Während der Schreckenszeit des 30jährigen Krieges ging die Zahl der Familien und damit auch die Anzahl der Märker auf 84 zurück. An dieser Zahl wurde bis heute konstant festgehalten, jeder neu hinzukommende Einwohner wurde von der Aufnahme als Märker und von Nutznießung des Breidelsgutes ausgeschlossen.  Die 84 Märker teilten das Gut in 84 Lose zu je 4 Morgen Ackerland auf. Jedes Los verbleibt dem Zugeteilten zur uneingeschränkten Nutzung auf Lebenszeit. Erst beim Tod eines Märkers bekommt ein neuer Märker dessen Anteil. Für die Zuteilung zählt das Datum des Antrages auf Aufnahme in die Märkerschaft.

 

Wenn man weiß, dass damals 4 Morgen Land ausreichten, um den Grundbedarf einer Familie zu erwirtschaften, kann man die Größe der Schenkung des Grafen ermessen. In früheren Zeiten waren es naturgemäß fast nur Bauern und Handwerker, welche ihren Anteil unentgeltlich nutzen konnten.

 

Wer heute das Land nicht mehr selber bebaut, kann es verpachten und erhält den Pachtzins. Darüber hinaus erhalten die Märker heute jährlich noch einen enormen Betrag an Zinsen ausgezahlt. Wie bei den meisten Grundstücken in der Pellenz, so befanden sich auch unter den Breidelsfeldern Bodenschätze wie Bims, Lava und Ton. Die Erträge aus der Ausbeute dieser Schätze wurden nicht aufgeteilt, da hiervon ja nur die gegenwärtigen Märker profitiert hätten.  Im Sinne des sozialen  Gedankens der Stiftung  wurden die Erträge gewinnbringend angelegt. Von den  erwirtschafteten Zinsen  fließt ein Teil als Spenden in soziale und kirchliche Einrichtungen, der Rest wird  jährlich an die Märker ausgezahlt.

 

Wo aber war die genaue Lage des vom Grafen Wolfskehl an die Gemeinde Kruft geschenkten Breidelsgutes und was ist aus dem Wehrer Breithel geworden, den das Kloster Maria-Laach im Tausch mit der Gemeinde Kruft 1615 erhalten hat? 

Armin Beu fand bei seiner Auswertung von alten Flurkarten heraus, dass die Flur links der alten L82 von Wehr nach Bell unterhalb des Laacher Waldes, bis zur Umlegung im Jahre 1956 unterster Breidel genannt, eine Größe von  rund  40 ha hatte. Nach mir vorliegenden Aufzeichnungen von Gerhard Knoll soll die Abtei unmittelbar nach dem Tausch im Jahre 1615 den Wald gerodet haben. Vom 11. November 1618 datiert ein Pachtvertrag, wonach die Abtei Laach den unteren Breidelsbusch an mehrere Einwohner von Wehr verpachtet hat. Die Größe wird mit 123 Morgen angegeben. 1658 wird auch der obere Breidel mit einer Größe von 284 Morgen verpachtet. Auch dieser Teil ist spätestens 1656/57 gerodet und in Ackerland umgewandelt worden. Das der Abtei Laach gehörige Gut, Wehrer Breidel genannt mit einer Größe von 135 ha, wurde
nach der Auflösung des Klosters durch Napoleon am 23. April 1812 für 7.573 Taler versteigert. Über die Käufer der wahrscheinlich aufgeteilten Fläche ist mir nichts bekannt. Sicherlich existieren hierüber Aufzeichnungen, welche noch gesichtet und ausgewertet werden müssten.


Es gibt jedoch noch heute einen Teil der Gemarkung Bell, welcher 700 m weit in die Gemarkung Wehr hineinragt. Diese Flur heißt heute „In den drei Gemeinden“, und liegt westlich der heutigen Flur „Im Breidel“. In dieser Flur befinden sich noch heute unterhalb vom Roten Berg ca. 9  ha = 36 Morgen im Eigentum der Gemeinde Bell. Diese  Flächen sind womöglich bei der Aufteilung des Breidelsgutes in den Besitz der Gemeinde Bell gelangt.          

 

Ohne das bis zum heutigen Tag existierende Breidelsgut in Kruft und die damit verbundene Sage wäre die Geschichte des Grafen Wolfskehl zu Diefenthal und dem Vermächtnis des Breidelswaldes bei der Bevölkerung von  Wehr wohl vollständig in Vergessenheit geraten.

 

 

Nachwort des Verfassers: (nicht unbedingt ernst zu nehmen)

 

Als ich als Kind zum ersten Mal von Verwandten aus Kruft von dem Breidelsgut erzählt bekam, fragte ich mich: „Weshalb haben sich meine Vorfahren seinerzeit mit dem Grafen überworfen, so dass dieser nach Kruft zur Messe reiten musste? Gab es damals in Wehr vielleicht keinen Pastor, oder war dieser mit dem Grafen nicht gut Freund? Oder gab es damals in Wehr noch keine Glocken, welche dem Grafen den Weg hätten weisen können?  Aber die paar hundert Meter von seiner Burg bis zur Kirche hätten die Wehrer ihn doch auch ohne Glockengeläut geleiten können!


Und für 400 Morgen Land wäre er doch sicherlich auch  mit einer Kutsche zur Kirche gefahren worden!“ Aber hätte, wäre und sollte, es ist nun mal so, wie es ist.

 

Den Kruftern sei ihr Breidelsgut von Herzen gegönnt.