Richard Genn, im Juli 2012

 

 

Die Legende vom Hl. Potentinus, Patron der Pfarrkirche zu Wehr

 

Darstellung der Leiden des Hl. Potentinus am Altar der Seitenkapelle des Klosters Steinfeld

 

 

Wenn Fremde die Wehrer Kirche besuchen und den Namen unseres Kirchenpatrons erfahren, können sie mit diesem Heiligen in der Regel nichts anfangen. Ähnlich geht es mittlerweile aber auch vielen Einwohnern von Wehr. Dabei war Potentinus um das Jahr 900 führwahr kein Unbekannter.
 

Geboren wurde Potentinus im 4. Jh. in der Provinz Aquitanien in Frankreich,  gestorben ist er Ende des 4. Jh. in Karden an der Mosel. Auf der Rückkehr von einer Wallfahrt ins Heilige Land  soll er mit seinen Söhnen Felicius und Simplicius in  Trier von Bischof Maximin empfangen worden sein. Dieser empfahl ihnen einen Besuch beim Hl. Kastor in  Karden. Dort haben die drei bis zu ihrem Lebensende zurückgezogen gelebt und wurden  nach ihrem Tod dort in einem Kirchlein beigesetzt. Nach der Überlieferung  sind Potentinus und seine Söhne den Martertod durch Pfeile oder das Beil gestorben. Aufgrund  späterer Erkenntnis wurde das Martyrium von Potentinus  und seinen Gefährten jedoch als  unrichtig erkannt. Heute wird Potentinus nur noch als Bekenner verehrt.

 

Zum erstenmal im Zusammenhang mit Wehr wurde Potentinus in einer Urkunde aus dem Jahre 920 erwähnt, als Graf Sigibodus (auch Sibido) von Aare-Hochstaden von Erzbischof   Rudiger von Trier  die Gebeine des hl. Potentinus und seiner Söhne Felicius und Simplicius für die Kirche des vom ihm neu errichteten Benediktinerinnenklosters in Steinfeld erbat. Rudiger gab die Erlaubnis zur Überführung. So setzte sich nun nach der Legende im Frühjahr des Jahres 920 eine große Reliquienprozession von Karden aus nach Steinfeld in Bewegung.

 

 Erste Station war der Fressenhof (Frasena) bei Ochtendung. Diese Übernachtung ist auf dem Fressenhof bis heute unvergessen.  Dass die Gebeine der der drei Heiligen dort geruht haben, wird bis heute dort am 18.Juni gefeiert. In der alten Kapelle befand sich eine Figur des Hl. Potentinus, welche sich heute in der 1855 errichteten neuen Kapelle  befindet. Diese wurde dem Hl. Potentinus geweiht.

 

Man will noch heute den Weg kennen, den die alte Reliquienprozession über den Banner Hof nach Wehr gegangen ist; man will den längst in den Feldern untergegangenen alten Weg daran erkennen, das eine Wagenbreite die Frucht niedrig, rechts und links vom Potentinuspfad aber besonders hoch und reich geladen wächst.

 

Die nächste Station auf dem Weg nach Steinfeld war Wehr, wo man übernachtete. Nach der Legende sollen am nächsten Morgen die Zugochsen sich oberhalb der Kirche geweigert haben, weiter zu gehen und mit ihren Hufen ein Loch in den Boden gescharrt haben. Dort soll wunderbarerweise eine Quelle entsprungen sein. Erst nachdem Graf Sibodo seinen Besitz in Wehr dem Kloster Steinfeld geschenkt habe, seien die Zugtiere  weiter gegangen.

 

Wie weit hier Legende und Wahrheit ineinander fließen, kann von mir nicht beurteilt werden. Tatsache ist jedoch, dass es in Wehr zu dieser Zeit bereits eine Kirche gab, welche dem Hl. Martin geweiht war. Seitdem die Gebeine der drei Kardener Heiligen dort übernachtet haben, finden wir den Hl. Potentinus als ersten und Martin als Mitpatron der Pfarrkirche.

 

Wehr war seit dieser Zeit eine Steinfelder Propstei und wurde bis zur Säkularisation durch Napoleon  von  Steinfelder Mönchen verwaltet. Im Jahre 1635 schenkte Abt Christof Pilckman von Steinfeld der Kirche in Wehr die Hälfte einer Kinnlade des Heiligen als Reliquienanteil. In der Kirche befindet sich heute noch der Potentinusaltar mit dem Bild des Heiligen. Hier wird am Patronatsfest am 18. Juni der Schrein mit der Reliquie des Heiligen ausgestellt.

 

Auch in Wehr soll im obersten Breitel der Potentinuspfad, wie zuvor beim Fressenhof beschrieben, zu sehen sein. Die Flur, wo die Quelle entsprungen ist, heißt bis heute Potentinsborn, im Volksmund „Poppelsbuhr“. Zu diesem Born  kamen von weither Wallfahrer, welche sich besonders bei Augenleiden Heilung erhofften.

 

Der Wehrer Pfarrer Heinrich Firmerich erzählt 1659 von einer Frau, die für ihre  Tochter  bei vielen Ärzten vergebens Heilung gesucht hätte und durch das Wasser der Quelle von ihrem bösen Augenleiden geheilt wurde. 

 

Bis zur Zeit der Feldzusammenlegung im Jahre 1956 befand sich oberhalb des alten Weges nach Rieden  noch ein kleines Rinnsal, welches durch die Senke am Postgarten und an Kirche und Dorflinde vorbei  bis zur Ahlbaach führte. Besonders im Frühjahr, aber auch bei starken Regenfällen führte dieser kleine Bach viel Wasser. Im Zuge der Umlegung wurde das Quellgebiet 1958 trocken gelegt und seitdem ist der Poppelsbuhr verschwunden.              

 



Früherer Ablauf des Poppelsbuhr

 

In der Kapelle am Fressenhof, in der Pfarrkirche  Wehr und im Kloster Steinfeld befinden sich noch heute wertvolle, holzgeschnitzte Figuren  und Abbildungen des Hl. Potentinus aus dem 15. bis 17. Jh.

 

An einem Pfeiler im Chor der Klosterkirche in Steinfeld befindet ein wertvolles Fresco mit der Darstellung des Heiligen. Viele Kunstschätze sind hier während der Säkularisierung  zur Zeit Napoleons gestohlen worden. Der Potentintusschrein aus dem 13. Jh. zum Beispiel steht heute im Louvre in Paris. Ein wertvolles Glasfenster aus dem 16. Jh., auf welchem die Überführung der Gebeine des Heiligen von Karden nach Steinfeld dargestellt ist, befindet sich heute im Albert-Viktoria-Museum in London. Die Legende vom Hl. Potentinus und sein Patronat über die Wehrer Pfarrkirche haben die Jahrhunderte überdauert. Die alte Kirche aus der Zeit nach der Überführung der Gebeine des Heiligen wurde im Jahre 1700 abgebrochen. An ihrer Steller wurde eine Barockkirche mit einer wunderbaren Innenausstattung errichtet, welche 1702  eingeweiht wurde.

Richard Genn im Juli 2012

Weitere Einzelheiten hierzu siehe in der Dokumentation von Bruno Andre: “Die Pfarrkirche St. Potentinus in Wehr“

 

Quellen: Acta Sanctorum v. Jean Bolland S.J., geb.1596, Geschichte vom Kloster Steinfeld, Chronik der betreffenden Pfarrämter und  Überlieferung.

 

Die übrigen Fotos sind der Dokumentation: „Die Gefährten des Hl. Kastor in Karden, Potentinus, Felicius und Simplicius“ aus dem Jahre 1955/56 entnommen.

 

 

Bildanhang
 

links:

Potentinus Schrein
heute im Louvre in Paris

 

rechts:

Potentinus um 1700
Pfarrkirche Wehr

 

 

 
links:

Potentinus 14. Jh.
Fresko  Klosterkirche Steinfeld

 

rechts:

Potentinus 15. Jh.
Pfarrkirche Wehr

















 

     

Übertragung der Gebeine des Hl. Potentinus

Fenster aus dem ehemaligen Kreuzgang des Klosters Steinfeld,

heute im Albert-Viktoria-Museum in London

     


Potentinus Fenster, Fressenhof Kapelle